Lass uns auf die Reise gehen

Alles began am 22.08.07.
Obwohl nein.
Gerechterweise muss man sagen, dass dies wohl nur die Frucht eines massiven Baumes war dessen Samen sehr früh gesät wurden. Gepflückt, danach gehegt und lange reifen lassen, war Indien der erste Biss dieser zuckersüßen Frucht, deren Geschmack ich, noch immer inspiriert von Indien, als "mangoisch" beschreiben würde.
Die Samen waren all die 14tägigen Urlaube (länger ging nicht, da Oma-Heimweh drohte) die wir unternahmen, immer wieder Möglichkeiten den Horizont zu erweitern, die Weltsicht massiv zu beeinflussen und das schon mit 7 Jahren. Ich bin unendlich dankbar für diese wertvolle Zeit, die mich schon immer das "selbstverständlich" hat hinterfragen lassen. Bahamas, Jamaica, Florida, Caymen Islands, Hawaii, London, Thailand etc. wundervolle Länder, so viel zu erfahren und ich durfte so früh beginnen all dies zu erforschen. Menschen in Kenia auf dem Markt, die mir ein ganzes wundervolles Schachspiel aus Glas gegeben hätten um meine Socken zu bekommen, wohlgemerkt die Socken die ich an meinen Füßen trug, Männer die am Hafen drei bis vier Säcke Reis á 25kg, oder was auch immer da drin war, von einem Schiff in eine Lagerhalle verluden. Aber in was für einem Tempo... außenrum die Tagelöhner, die für diesen Job nicht genommen wurden, halfen ihren „Kollegen“ die Säcke wieder zu Schultern die in der Eile runter fielen. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern, die harte Arbeit für das bischen Geld, die Aufopferung, die Bereitschaft. Ich werde dies nie vergessen. Hütten aus Wellblech, gerade so groß dass sich zwei Menschen ausstrecken können. Alles so anders, so anders als unsere NORMALITÄT, was auch immer das bedeutet, für mich bedeutet sie nichts mehr, sie ist, nach jeder Reise, ob es eine nach Innen oder nach außen war, leerer geworden, unbrauchbarer, ich begann sogar eine ausgeprägte Abneigung gegen das, was gemeinhin als NORMAL bezeichnet wird zu entwickeln.
Nach einer recht intensiven Jugend, in der ich mein geliebtes Herxheim am liebsten NIE, außer vielleicht für Weinfeste mit meinen Freunden, verlassen hätte, hat mich dann doch die Neugier wieder gepackt.
There I was.
Am 22.08.07. MY INDEPENDENCE DAY. Ich erinnere mich die Worte in mein Indientagebuch geschrieben zu haben. Tränenüberströmt im Flugzeug nach Bahrrein, wo ich ein Layover von 4h hatte.
Das erste Mal ALLEINE.
Das erste Mal mit Rucksack.
Das erste Mal ohne vorgeplante Route.
Alles was ich hatte war mein Reiseführer und der wurde, bis ich Jenny mit ihrem Lonly Planet traf zu meinem besten Freund.
Da war ich, morgens um 5h in Mumbai. Zu meinem Glück hatte ich auf dem Flug nach Mumbai eine Französin kennengelernt die ihren Freund in Mumbai besuchte und von ihm abgeholt wurde. Sie schleuste mich durch die gierige Rikshafahrermenge zum Jeep ihres Freunds und sie setzten mich auf halber Strecke in ein Taxi das mich zu meinem Hotel bringen sollte. Für 100 Rupees. Natürlich wusste der Fahrer trotz vorheriger Versicherungen nicht wo das Hotel war und kassierte 200 Rps statt der versprochenen 100... Zu müde zum streiten gab ich ihm was er wollte und machte meinen Weg in ein schreckliches Hotelzimmer, das völlig überteuert war, nach kaltem Rauch und dem allgegenwärtigen Modergeruch stank. Draußen die letzten Monsunregenfälle, die alle Verbindung nach Hause wegschwemmten, drückte ich meine Nase in mein mitgebrachtes compressible pillow (so eine geniale Erfindung) in der Hoffnung mich über den Geruch nach Hause zu atmen und schlief letztendlich ein. Wann immer ich aufgrund des Getsanks erwachte, zwang ich mich wieder einzuschlafen, als könnte ich vor der Erfahrung flüchten. Irgendwann realisierte ich, dass das zu nichts führte und ich sprach ein Machtwort zu mir selbst: „Du gehst jetzt da raus und erlebst was, du bist den ganzen Weg nach Indien geflogen. JETZT MACH WAS DRAUS“ Und so nahm ich eine, angesichts der klimatischen Verhältnisse, völlig unnötige Dusche und ging raus. REIZÜBERFLUTUNG. Lief durch die Straßen ohne wirkliches Ziel. In mir hallte die Frage „Was willst du hier eigentlich?“
Ich wollte YOGA und ich wollte eine authentische Erfahrung, ich wollte alle Facetten. Und da wurde es dunkel. Julia mitten in Mumbai. ALLEINE, und es wurde dunkel. „Was nun?“. Es war der 23.08.07 die Nacht zu meinem 23. Geburtstag. Und ich war ALLEINE. ALL EINS? Das wusste ich damals noch nicht. Oder vielleicht wusste ich es, aber ich fühlte es nicht. So ging ich zurück auf mein stinkiges Zimmer. „Was nun?“ Ich fühlte mich soooo alleine, dass ich den Fernseher anschalt. Der Vollständigkeit halber: Ich hatte davor 4 Jahre kein Fern gesehen, weil ich es als Zeitverschwendung und nervig empfand. Gott, wie haben mich diese Stimmen beruhigt, obwohl es irgendein indischer Kauderwelsch war. Glücklicherweise, die Technik macht es möglich, hatte ich ein funktionierendes Handy dabei. Nach zwei aufmunternden sms meiner Ma konnte ich zumindest einschlafen, müde von den Eindrücken, müde vom Hadern, mit der Entscheidung den nächsten Tag so schnell als möglich Mumbai zu verlassen und „Zuflucht“ im Ashram in Trivandrum zu suchen. 33h Zugfahrt für 2700 km für 7,50€!!!
Die beste Entscheidung meines Lebens! Da war sie, meine authentische Indienerfahrung! Neben mir im Zug Sujesh, ein wundervoller, klassisch indischer junger Mann, gutes Englisch, nette Ausstrahlung. Half mir bei allem. Essen bestellen, beantwortete meine Fragen und ich hatte 1000e, half mir das angemessene Benehmen zu finden, wann was wie wo... und da lud er mich ein, zu seinen Eltern nach Cochin, er würde mich den nächsten Tag zum Ashram bringen... da war sie, die Stimme meiner Oma: „Geh mit niemand... wenn dich jemand mitnimmt...“ Nach einigen Stunden des Loslassens europäischer Misstrauensstandards hab ich mich entschieden mit zu gehen. Oder was das die beste Entscheidung meines Lebens? Mh, schwierig, es werden noch so viele beste Entscheidungen folgen... AUTHENTISCHE INDIENERFAHRUNG!!!
Angekommen in deren 3stöckigen Haus, die Mama Sujetha bringt mir Teller mit indischen Köstlichkeiten. Ooooh wie schnell ich lernte, dass meine strikte yogische Ernährung: kein Zucker, kein Knoblauch, keine Zwiebeln, Eier, Pilze, Kaffee, als Gast in Indien nicht angebracht waren. Nicht zu Essen was einem serviert wird ist eine Beleidigung der Gastfreundschaft und die ist das größte Geschenk, das höchste Gut das Indien seinen Gästen beschert.
Indien ist ein Land in dem sich die Wünsche und Gedanken im nächsten Atemzug manifestieren und so ist die Erfahrung ein Spiegel der Wünsche und Gedanken. Die Verbindung zischen Innen und Außen wird immer deutlicher. Meine Reise führte mich in den Sivananda Ashram in Trivandrum, der mir aber bald zu "tourimäßig" war, weshalb ich mich entschied, wieder volle Athentizität mit allen damit verbundenen Schwierigkeiten zu wählen. Per Zug und Bus von Trivandrum nach Varkala, über die Backwaters weiter hoch, über Bangalore nach Mysore, wo ich hängen blieb und meine Yogapraxis von Ashtanga inspiriert sich grundsätzlich veränderte. Kraft und Dynamik Einzug hielt, die sich in alle Lebensbereiche ausbreitete.
Diese Reise führte im Äußern fort, was im Innern 2001/02 seinen Ausgang nahm. Sind andere nach dem Abi ein Jahr herumgereist und haben die Welt erkundet, hab ich mich erst mal wieder langsam in die Welt eingefügt. Reisen kann man auf sehr viele verschiedene Arten und mein Weg führte mich nach den vielen frühen Reisen in der äußeren Welt mit 17 Jahren zunächst mal tief in die innere Welt, zur Quelle des Seins, wie ich später erkennen durfte. Ein Bakterium, das überall sitzt bahnte sich seinen Weg in meine Blutbahn und führte zum so genannten TSS (Toxic Shock Syndrom). Die Organe fielen nacheinander aus und ich endete in einem 4 wöchigen künstlichen Koma. Faktisch: Eine Reise durch alle denkbaren Bewusstseinszustände. Schade daran ist nur, dass viele von ihnen durch starke Schmerzmittel vernebelt waren. Als ich wieder einigermaßen bei Sinnen war, habe ich die Schmerzmittel immer abgelehnt, ausgespuckt, verweigert. Ich wollte klar sein, verstehen, konzentriert sein.
No way.
Die Entzugserscheiningen der Schmerzmittel und die Schwäche ließen kaum einen sinnigen Gedankengang zu, Sprechen, Gehen, Schlucken, Lesen. Alles musste/ durfte ich neu lerne. Die Entwicklung einer 17 jährigen im Zeitraffer miterleben und langsam wieder meine Kraft und Balance finden. Diese Erfahrung hat sehr viel Aufarbeitung gebraucht, viele Narben hinterlassen, die aber langsam verheilt sind. Mit jeder aufrichtigen Reflexion etwas mehr, mit jeder extra Hülle, die im Laufe der weiteren Entwicklung gefallen ist, konnte ich die Erfahrung etwas mehr als Bereicherung sehen, als etwas, ohne dass mein Leben nur halb so intensiv und bewusst wäre, ohne dass es nur halb so einzigartig und vollständig wäre. Alle diese Selbstverständlichkeiten (Gehen, Lesen, Konzentration, Schlucken, Sprechen, Haare) werden dann zum Geschenk und jede einzelne Narbe ein liebevoller Hinweis dies nicht zu vergessen.
Und die Reise dieser Seele, dieses Tropfens, der sich langsam aber stetig der Verschmelzung mit der unendlichen Weite des Meeres nähert geht weiter, weiter durch alle Zustände und Veränderungen, der Quelle des Seins zustrebend, in unendlichem Vertrauen, dass der Weg zum Ziel führt, wenn er es nicht schon ist.
